Überprüfung der Kunstsammlung der Kulturstiftung des Hauses Hessen auf NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut

Vom 1. Oktober 2022 bis zum 30. September 2025 fand am Museum Schloss Fasanerie ein dreijähriges Provenienzforschungsprojekt zur Überprüfung der Kunstsammlung der Kulturstiftung des Hauses Hessen auf NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut statt. Das Forschungsprojekt wurde vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste gefördert.

Ziel des Projekts war es, Kunst- und Kulturgut aus dem Sammlungsbestand der Kulturstiftung des Hauses Hessen erstmals systematisch auf mögliche NS-verfolgungsbedingte Entzugskontexte im Zeitraum zwischen 1933 und 1945 zu untersuchen. Im Mittelpunkt der Recherchen standen die Erwerbungen Prinz Philipps von Hessen und seines Zwillingsbruders Wolfgang Prinz von Hessen.

Museum Schloss Fasanerie

Das Museum Schloss Fasanerie in Eichenzell bei Fulda wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von Philipp Landgraf von Hessen (1896–1980) gegründet und aufgebaut. In den 1950er-Jahren führte er dort den auf verschiedene Schlösser verteilten Kunstbesitz seiner Familie schrittweise zusammen. Erste Schauräume waren ab 1951 für Besucherinnen und Besucher zugänglich; die feierliche Eröffnung des fertiggestellten Museums fand am 9. Oktober 1959 statt. Schloss Fasanerie, das Museum und der dort versammelte Kunstbesitz gehören heute zur Kulturstiftung des Hauses Hessen. Der Bestand umfasst rund 70.000 Objekte.

Philipp Prinz und Landgraf von Hessen – Oberhaupt des ehemaligen Fürstenhauses Hessen-Kassel, Kunstagent und PrivatsammlerPrinz Philipp von Hessen wurde am 6. November 1896 auf Schloss Rumpenheim geboren. Er besuchte das Gymnasium in Potsdam und meldete sich 1914 als Kriegsfreiwilliger. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs studierte er Architektur und Kunstgeschichte zunächst in Darmstadt und später in Berlin, wo er am Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen als Volontär tätig war. Anfang der 1920er-Jahre siedelte Philipp von Hessen nach Rom über und arbeitete dort als Innenarchitekt. In dieser Zeit knüpfte er Kontakte zur italienischen Königsfamilie und lernte seine spätere Ehefrau Mafalda von Savoyen (1902–1944), Tochter von König Viktor Emanuel III. (1869–1947), kennen. Nach ihrer Hochzeit im Jahr 1925 lebte das Paar mehrere Jahre in Rom.

1930 kam Philipp von Hessen über seinen Vetter August Wilhelm von Preußen (1887–1949) in Berlin mit Hermann Göring und Adolf Hitler in Kontakt. Noch im selben Jahr wurde er Mitglied der NSDAP; 1931 trat er in die SA ein. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten ernannte ihn Göring 1933 in seiner Eigenschaft als preußischer Ministerpräsident zum Oberpräsidenten der preußischen Provinz Hessen-Nassau.

In den folgenden Jahren setzte sich Philipp von Hessen für die Errichtung eines hessischen Geschichtsmuseums, des sogenannten „Landgrafenmuseums“, in Kassel ein. Dort sollten die Kunstsammlungen des Hauses Hessen-Kassel wieder unter einem Dach zusammengeführt werden. Das Vorhaben scheiterte infolge des Zweiten Weltkriegs noch vor seiner Vollendung.

Aufgrund seiner familiären Verbindungen zur italienischen Königsfamilie wurde Philipp von Hessen in den 1930er- und frühen 1940er-Jahren auch als Vermittler in Italien eingesetzt. Seit 1937 war er in Italien als Kunstagent für Adolf Hitler tätig und arbeitete bis 1943 für den sogenannten „Sonderauftrag Linz“. Im Auftrag Hitlers sowie für Hermann Göring besichtigte er italienische Kunstsammlungen und vermittelte Kunstankäufe. Zugleich besteht die Annahme, dass Philipp von Hessen auch eigene Erwerbungen auf dem italienischen Kunstmarkt tätigte.

Schränkchen von David Roentgen im Museum Schloss Fasanerie aus der Sammlung Goldschmidt-Rothschild (Kulturstiftung des Hauses Hessen)

Über seine Erwerbungen auf dem deutschen Kunstmarkt war zu Beginn des Forschungsprojekts nur wenig bekannt. Die Identifizierung zweier Roentgen-Schränkchen im Bestand des Museums Schloss Fasanerie, die ursprünglich aus der 1939 versteigerten Sammlung des jüdischen Kunstsammlers und Malers Rudolf von Goldschmidt-Rothschild (1881–1962) stammen, lieferte jedoch erste Anhaltspunkte dafür, dass Philipp von Hessen während der NS-Zeit auch auf dem deutschen Kunstmarkt als Käufer aktiv war.

Das Forschungsprojekt

Die privaten Erwerbungen Philipps von Hessen sind nur unzureichend dokumentiert. Ein Ankaufsbuch, in dem Erwerbungen oder Geschenke für seine Privatsammlung systematisch festgehalten worden wären, ist nicht überliefert. Auch bei der späteren Inventarisierung der Kunstsammlung des Hauses Hessen-Kassel im Zusammenhang mit der Gründung des Museums Schloss Fasanerie wurden nur selten Angaben zur Herkunft, zum Erwerbungsdatum oder zu den Erwerbungsumständen aufgenommen.

Durch verschiedene Provenienzmerkmale an den Objekten – darunter Exlibris-Aufkleber, Eigentumsvermerke und Hinweise in der Museumsdokumentation – konnten zu Projektbeginn rund 160 Sammlungsobjekte als mutmaßlich ehemaliger Privatbesitz Philipp Prinz von Hessens identifiziert werden. Diese Objekte bildeten den Ausgangspunkt der systematischen Provenienzrecherchen. Im Verlauf des Projekts konnte der Untersuchungsumfang jedoch erheblich erweitert werden. Insgesamt untersuchte der Kunsthistoriker Sven Pabstmann schließlich 200 Sammlungsobjekte auf Herkunftshinweise und bewertete ihren Provenienzstatus. Die Erweiterung des Untersuchungsbestands ergab sich vor allem aus der Auswertung zahlreicher Auktionskataloge sowie weiterer kunsthandels- und archivbezogener Quellen.

Das Projekt verband mehrere methodische Zugänge der Provenienzforschung. Dazu gehörten die Untersuchung der Objekte am Original, die Auswertung vorhandener Sammlungsunterlagen, die Recherche in Archiven sowie die systematische Analyse gedruckter und handschriftlich annotierter Auktionskataloge. Besonders aufschlussreich war die Auswertung annotierter Auktionskataloge der Kunsthandlung Hugo Helbing in Frankfurt am Main. Durch den Abgleich von Losnummern, Käuferangaben, Einlieferervermerken und Objektbeschreibungen konnten zahlreiche Erwerbungen aus dem Zeitraum von 1926 bis 1943 im heutigen Museumsbestand identifiziert werden.

Neben Erwerbungen Philipps von Hessen rückte im Verlauf des Projekts auch Wolfgang von Hessen stärker in den Fokus. Seine Rolle als Kunstsammler und als Akteur auf dem deutschen Kunstmarkt war bislang kaum untersucht. Die Untersuchungen zeigten, dass auch Wolfgang von Hessen in den 1930er-Jahren als Käufer auf dem Kunstmarkt aktiv war.

Ergebnisse

Im Rahmen des Projekts konnten umfangreiche, quellenbasierte Erkenntnisse zur bislang weitgehend unerforschten Erwerbungstätigkeit Philipps und Wolfgangs von Hessen gewonnen werden. Die Ergebnisse leisten einen wichtigen Beitrag zum Verständnis des Sammlungsaufbaus sowie zur Rekonstruktion der Herkunft zahlreicher Objekte, die zwischen den späten 1920er-Jahren und dem Ende des Zweiten Weltkriegs erworben wurden.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Rekonstruktion der Objektbiografien identifizierter Erwerbungen aus der NS-Zeit, insbesondere möglicher Verlustkontexte, sowie auf der Erforschung der Biografien jüdischer bzw. als jüdisch verfolgter Sammler, aus deren früherem Besitz Objekte in den heutigen Sammlungsbestand gelangten.

Besonders hervorzuheben ist die große Zahl identifizierter Sammlungsobjekte, deren Provenienz nach aktuellem Forschungsstand als belastet einzustufen ist. Über die zu Projektbeginn bekannten elf belasteten Objekte aus den Sammlungen Rudolf von Goldschmidt-Rothschild und Ottmar Strauss (1878–1941) hinaus konnten 19 weitere Sammlungsgegenstände identifiziert werden, die unter anderem aus dem Besitz von vier weiteren jüdischen bzw. als jüdisch verfolgten Vorbesitzern stammen. Bei diesen Objekten lässt sich ein NS-verfolgungsbedingter Entzug nachweisen oder mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen.

Hierzu gehören ein Gemälde aus dem früheren Besitz des Bankiers Albert von Goldschmidt-Rothschild (1879–1941, Suizid im Schweizer Exil) sowie chinesische Porzellane aus dem Besitz des Berliner Industriellen Herbert von Klemperer (1878–1951), des Mannheimer Bankdirektors Hans Jüdell (1890–1976) und des Berliner Bankiers Ludwig Treitel (1876–1943, ermordet im Ghetto Theresienstadt).

Nach aktuellem Forschungsstand sind damit insgesamt 30 Objekte aus dem früheren Besitz von sechs jüdischen bzw. als jüdisch verfolgten Vorbesitzern als belastet und restitutionsrelevant zu bewerten. Für mindestens sechs weitere Objekte bestehen gewichtige Verdachtsmomente; sie bedürfen weiterer vertiefender Provenienzrecherchen.

Abschlussbericht und weiteres Vorgehen

Die Ergebnisse des Forschungsprojekts wurden in einem Abschlussbericht dokumentiert. Der von Sven Pabstmann erarbeitete Bericht umfasst knapp 600 Seiten und enthält Angaben zur methodischen Vorgehensweise, zu den ausgewerteten Quellen, zu den untersuchten Objekten sowie zu den neu gewonnenen Erkenntnissen zur Erwerbungs- und Sammlungsgeschichte der Kulturstiftung des Hauses Hessen.

Für insgesamt 24 Objekte aus dem früheren Besitz der Familien Goldschmidt-Rothschild und Ottmar Strauss konnten im Juli 2026 Restitutionsvereinbarungen mit den Nachfahren der einstigen Eigentümer geschlossen werden. Die Rückgabe der Objekte erfolgt im Juli und August 2026. Sechs weitere Objekte mit nachgewiesenem oder mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmendem NS-verfolgungsbedingtem Entzug sollen restituiert werden, sobald sich berechtigte Nachfahren der früheren Eigentümer melden. Bislang wurden hierfür keine Ansprüche geltend gemacht. Diese Objekte werden zudem in der Lost Art-Datenbank veröffentlicht. Bei Objekten mit noch lückenhaft geklärter Provenienz können weitere Recherchen durchgeführt werden. Sollten sich dabei neue Erkenntnisse ergeben, bleibt es Ziel, im Sinne der Washingtoner Prinzipien von 1998 und der Gemeinsamen Erklärung von 1999 gerechte und faire Lösungen mit Anspruchsberechtigten zu finden.

Die Kulturstiftung des Hauses Hessen und das Museum Schloss Fasanerie danken dem Deutschen Zentrum Kulturgutverluste für die Förderung des dreijährigen Forschungsprojekts und die damit ermöglichte systematische Erforschung der Sammlung.

 

Ansprechpartner:

Dr. Markus Miller
- Direktor -
Kulturstiftung des Hauses Hessen
Museum Schloss Fasanerie
Telefon: +49 (0) 661 9486-0
miller@schloss-fasanerie.de

Weitere Informationen

Deutsches Zentrum Kulturgutverluste:
https://www.kulturgutverluste.de

Projekt in Proveana:
https://www.proveana.de/de/link/pro00000127

Lost Art-Datenbank:
https://www.lostart.de